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WEBERPORTRAIT: WINNIE POULSEN / DÄNEMARK

von Ute Berger, Ute Richter und Susanne Ganske-Ollero

Wer sich in der textilen „Szene" bewegt, vielleicht selbst webt, sogar ausstellt und verkauft, lernt schnell, dass es sehr unterschiedliche Wege gibt, das Weben zu erlernen. In vielen europäischen Ländern gibt es eine handwerkliche Ausbildung schon nicht mehr, auch in Deutschland stehen wir vor großen Veränderungen der textilen Handwerksberufe. Und in den USA oder Kanada hat es eine solche Ausbildung nie gegeben. Aber dort leben hervorragende und experimentierfreudige WeberInnen. Auch hier bei uns und in Europa kommen viele „Professionelle" eher aus dem textilen Design oder haben sich als Autodidakten das Weben mehr oder weniger selbst beigebracht und arbeiten durchaus erfolgreich. Goldenen Boden hatte das Weberhandwerk sicher nie. Was also bewegt Menschen, sich dieses Können anzueignen? Den Mut zu haben, Produkte zum Verkauf herzustellen? Eigene Werkstätten aufzumachen? Wie sehen diejenigen, die ihr Wissen in Kursen weitergeben, in die Zukunft des Weberhandwerks? Gerät es wie so viele Traditionshandwerke unter die Räder der Modernisierung und mit ihm das über Jahrtausende angesammelte Erfahrungswissen aller Weber bis hin zu unserer Generation? Oder gibt es Perspektiven, dieses Wissen zu bewahren und weitergeben zu können? Wir haben uns aufgemacht, solche Fragen an WeberInnen zu stellen, die viele von uns aus Kursen, von Messen oder Werkstattbesuchen kennen. Hier ist ein erstes Portrait.

z18-portrait1An diesem Tag spielt der Mai gerade etwas Herbst. Ein ziemlich kühler Wind treibt Regenfahnen heran und wären wir draußen, könnten wir beobachten, wie er auch die Wellen mit größerer Eile an den Strand treibt. So aber sitzen wir gemütlich an einem schönen alten Tisch und betrachten, wie vor dem Fenster ein großer, blau gemalter Container ruhig vorbeizieht. Dieses Haus liegt direkt an einer Straße – einer Wasserstraße. Und es gehört Winnie Poulsen. Winnie und ihr Mann Sten haben sich vor einigen Jahren einen alten Traum erfüllt und von der Kommune ein großes Areal am Leuchtturm auf der Halbinsel Helgenæs nahe der Stadt Århus erworben. Der Leuchtturm funktioniert inzwischen ferngesteuert und braucht keinen Wärter mehr. Er zog aus und gab Raum für ganz neue Gedanken und anderes Schaffen.

Eingeladen hatten wir drei Frauen uns selbst und wurden überaus freundlich und offen empfangen von einer Winnie Poulsen, die im Augenblick unserer Ankunft gerade nicht Weberin, sondern Gärtnerin war und sich mit den jungen Pflanzen beschäftigte, die darauf warteten, bei milderem Wetter in den neu angelegten Garten umgesetzt zu werden. Durch ganz Schleswig-Holstein und halb Jütland zu fahren, ist kein kurzer Weg, aber wir wollten unsere kleine Reihe der Weberportraits gerade mit Winnie beginnen, die ja viele von uns kennen, von kurzen Kursen in Meldorf oder Ostfriesland und von langen bei Zürcher-Stalder in der Schweiz und Karin Meyer / Swedenform in Süddeutschland.

Ihre zurückgenommene, ganz entspannte Art, die Kurse zu leiten, Fehler zu beheben und Unvermögen in Verständnis umzuwandeln, schafft eine sehr eigene, harmonische Atmosphäre. Winnie, das werden wohl alle empfinden, die mit ihr zu tun haben, ist auf eine sehr bestimmte Art besonders. Das Erscheinungsbild, das für eine Weberin etwas ungewöhnliche Allzweckwerkzeug Messer – wohl aufbewahrt in einer am Gürtel des Wollrocks hängenden Lederscheide, die oft unkonventionelle und in keinem deutschen Lehrbuch für die Handweberei vorkommende Problemlösung. Kurse bei Winnie sind ein schönes Erlebnis. Erstaunlich viele professionelle Weberinnen haben ihre berufliche Karriere schon als Kinder zuhause begonnen, weil sie Mütter, Großmütter oder Tanten hatten, die das Weben beherrschten oder zumindest textile Fertigkeiten als Strickerinnen, Näherinnen etc. besaßen und das kleine Mädchen an diese Arbeiten heranführten.

WEBEN - EINE LEIDENSCHAFT SEIT KINDERTAGEN

Nicht anders bei Winnie Poulsen, aber doch ganz anders, denn es gab keine weiterhelfende Hand, als die Sechsjährige auf dem Dachboden des Großvaters, einem Schmied und Sachensammler, einen Webrahmen fand. Wie der auf den Boden gekommen war, wusste niemand, noch weniger, wie das Ding funktionierte. Diese Frage ließ die Kleine aber nicht los und die Lösung rückte näher, als sie eingeschult wurde, im Keller der Schule einen Webstuhl entdeckte und die Handarbeitslehrerin bestürmte, bei der Unterweisung der älteren Schüler in der Kunst des Webens dabei sein zu dürfen. Na gut, sie war zwar noch viel zu klein, eigentlich auch ungern gesehen, aber sie durfte schließlich mitmachen, wenn sie nicht störte.

Und so wanderte im Winterhalbjahr eine kleine Gestalt mit einem großen Webrahmen an der Seite einmal wöchentlich am Abend durch die Stadt und erwarb sich Grundkenntnisse im Weben. Die Voraussetzungen waren nicht übermäßig günstig – geschärt wurde z.B. an der Schulgarderobe – aber diese Winterabende legten den Grundstein zu einer Passion, die dem grundlegenden Wunsch, etwas mit den Händen zu gestalten, Ausdruck gab. Etwas mit den Händen zu machen, ist selbstverständlich und wichtig, es gehört zum Leben dazu. Was man selbst machen kann, sollte man selbst machen. Ob es nun dieses herrlich duftende Brot auf dem Tisch neben den selbst gefertigten Körben und Schalen aus frischer Birkenrinde ist oder der Kräuter- und Küchengarten hinter dem Haus. Auch die frisch renovierten Wände, Fenster und Türen, die Decke auf dem Tisch, der Wollrock und das Handtuch.

z18-portrait3Alles zeugt davon, dass die eigene Gestaltungskraft wie selbstverständlich den Alltag durchzieht. Das erklärt sicher auch, warum Winnie nach einer Lehrerausbildung ein Studium an der Kunstakademie in Århus mit der Fachrichtung Textil begonnen hat, obwohl sie überzeugt war, dass Weben ihr keinen Lebensunterhalt sichern konnte. Auf unsere Fragen nach dem „Marketing" ihrer „Produkte" erhalten wir auch deshalb keine Antwort. Sie gibt ihre Gewebe weg, an Freunde und Verwandte und das in der letzten Zeit häufiger, denn „man lebt ja nicht ewig". Schön zu sehen, wo das hinkommt, was man geschaffen hat. Und sie tauscht. Alles, was wir auf dem Tisch und in den Küchenregalen an Bechern, Tellern, Schüsseln sehen, stammt aus den Keramikwerkstätten ehemaliger Kommilitonen von der Kunstakademie, mit denen sie sich noch heute regelmäßig trifft.

Ebenso wenig bietet sie Kurse selbst an. Es gibt keine Flyer, keine Homepage der Weberin Winnie Poulsen. Winnie wird gefragt, ob sie einen Kurs geben möchte oder einen Vortrag halten würde. Sie tut das gern, denn die Kurse empfindet sie immer auch als Herausforderung, selbst etwas Neues zu lernen. Über die Jahre hat sie so eine regelrechte Stammkundschaft erworben, die immer wieder mit ihr zusammen arbeiten möchte. Regelmäßig gibt es auch Kontakte zu einer regionalen Webgruppe, die sich gern um den großen Tisch im Haus am Leuchtturm schart. Dabei war es eher ein Zufall, der sie zur Weblehrerin und Designerin von Webstücken werden ließ. Früh nach ihrer Ausbildung hatte sie Kontakt zur Schwedin Lillemor Johansson, die in der Webstuhlfabrik von Glimåkra Weblehrerin war und Winnie das Damastweben beibrachte. Und die fragte sie schließlich, ob sie nicht selbst Kurse geben wolle.

BALANCE - IM LEBEN WIE IN DER ARBEIT

Später, als Lillemor als Chefredakteurin zum „Vävmagasinet" ging, wurden Winnies Entwürfe regelmäßig nachgefragt und noch heute finden die Leser dort Entwürfe aus der Werkstatt von Winnie Poulsen. Die Kurse müssen allerdings in Balance zur Arbeit im Webstuhl stehen, wenngleich es für sie immer wieder spannend ist, zu sehen, ob eine Idee im Kursus funktioniert. – Und sie dürfen nicht im Sommer stattfinden. Der Sommer gehört vor allem dem Garten. Besser: dem Nutzgarten. Auch hier ist die Ästhetik der Anlage die eine Sache, die andere aber die selbstverständliche Sicht auf den ursprünglichen Sinn der Gartenkultur, den Gebrauchswert für das tägliche Leben, auch wenn es aus heutiger Sicht ökonomisch nicht notwendig ist, sondern ein Ausdruck des Selbstbehauptungswillens, sich als schaffender Mensch in seinem Tun wieder erkennen zu können.

„Jeden Tag Garten" ist der Titel eines Gartenbuches, das Winnie vor einigen Jahren geschrieben hat. Auch wenn der Garten sich am neuen Lebensort stark verkleinert hat und sie hart mit dem steinigen Boden und den rauen Winden kämpfen muss, schreibt sie fortwährend Artikel für Gartenzeitschriften in Dänemark. Im Sommer raubt der Garten dem Weben die Konzentration und die Ruhe, die Winnie braucht, um an ihrem Webstuhl mit Damasteinrichtung und selbstgebauter Verlängerung neue Stoffe zu entwickeln. Dieser Webstuhl ist der einzige, der aus dem großen Hof bei Århus mit hinüber in das kleine Haus am Meer genommen wurde. Auf ihm ist gerade die Kette für ein großes Tuch aufgezogen. Aber er hat zu unserem Erstaunen keinen Schnellschuss. Der ist schon vor vielen Jahren wieder abgeschafft worden – weil er nicht gut für die Schultern war und weil Winnie bei der Arbeit mit dem Handschützen die Gewebekanten besser kontrollieren kann. Dabei hilft wie selbstverständlich immer auch ein Breithalter.

z18-portrait5Als Winnie Poulsen ihre Webausbildung machte, lag der Schwerpunkt auf den Tapisserien, das Weben galt vor allem als künstlerischer Ausdruck textiler Bildgestaltung. Damals war Vibeke Klint (1927-2005) Weblehrerin an der Hochschule. Sie gilt als eine der hervorragendsten VertreterInnen des modernen dänischen Weberhandwerks und ist bekannt für ihre geometrischen Muster und die große Sicherheit in den Farbharmonien. Diese künstlerische Ausbildung hat im Zusammenspiel von Form und Farbe ohne Zweifel bei Winnie ihre Spuren hinterlassen, aber sie webt nur Gebrauchstextilien. Das Weben ist ein Handwerk für das tägliche Leben und muss sich in diesem Umfeld in Design und Stofflichkeit immer wieder neu erfinden. „Es gibt nichts Zeitloses", sagt Winnie. Aber sie liebt es, das Alte im Neuen aufzuheben. Sie ist keine Revolutionärin, eher eine Forscherin. Baumwolle und Leinen in der Kette: was passiert, wenn man fadenweise das Verhältnis zwischen beiden verschiebt? Wenn der Schuss der Anordnung in der Kette entspricht? Neue Garne? Sicher, aber die Elastikgarne werden erst einmal als Randfäden bei bindungsbedingt elastischen Geweben eingesetzt, um perfekte Kanten zu erzeugen. Entwürfe entstehen aus dem Material und seiner Farbigkeit heraus, die haptischen Reize und die verfügbaren Farben sind für sie eine Quelle der Faszination und der Inspiration. Jede Kette wird mindestens 30m lang geschärt und so zu einem Experimentierfeld, auf dem niemals ein Gewebe zweimal entsteht. Das ist eine eiserne Regel. Winnie webt gern mit skandinavischen Garnen, etwa den Wollgarnen aus Östergötlands Spinnerei in Südschweden. Aber sie nimmt auch die Sonderposten, die ihre Freundin Karin Meyer von Swedenform für sie zurücklegt. Oder günstige Restgarne aus Textilfabriken. Was sich davon als nicht zufriedenstellend erweist, wird rigoros heruntergeschnitten.

HAT DAS WEBEN EINE ZUKUNFT?

Nicht in der Form selbständiger Handwerksbetriebe. Zumindest nicht in Dänemark, wo die Steuern so hoch sind, dass die Etablierung einer Webwerkstatt ökonomisches Kamikaze bedeutet. Und es gibt dort schon längst keine handwerkliche Ordnung mehr, die das systematische Erlernen des Webens ermöglicht. Aber Winnie verweist auf Schweden mit seiner lebendigeren Webtradition, die viel engagierter gerade an Kinder und Jugendliche weitergegeben würde als anderswo in Europa. Wo es Netzwerke von Weberinnen gäbe, wie etwa nätverket vävformgivning (www.vavformgivning.se) um Göteborg herum, die sich nach Vorbild der amerikanischen „Guilds" im Kollektiv zu behaupten versuchen.

Winnie, die auch passionierte Strickerin ist, treibt unsere Gedanken zurück zu den bevorstehenden großen Umbrüchen der textilen Handwerke in Deutschland. Wir Weberinnen, Klöpplerinnen, Strickerinnen, Stickerinnen und Filzerinnen: werden wir gemeinsam, in Verbindung miteinander nicht nur bestehen können, sondern vielleicht sogar etwas Neues und Zukunftsfestes schaffen? Es ist spät geworden. Eigentlich hätten wir längst gehen sollen. Aber Winnie lädt uns zu einer abendlichen Suppe ein und wir bleiben gern. Dann gehen wir hinaus zum alten Leuchtturmwärterhaus, dessen Renovierung im vorigen Sommer soviel Mühe gekostet hat. Eine Arbeit, die Winnie fast allein ausgeführt hat, weil ihr damals schon schwerkranker Mann ihr nur noch als Berater und Gutachter zur Seite stehen konnte. Jetzt steht es als Ferienhaus ganzjährig den Gästen zur Verfügung, die kommen und sich vom Blick aus den Fenstern auf das Meer berauschen lassen wollen.

Als wir in der Abenddämmerung durch die halbwilde, hügelige Landschaft von Helgenæs zu unserer Unterkunft fahren, haben wir im Geiste schon unsere Weberklasse für das nächste Klassentreffen in dieses wunderbare Haus über der Ostsee einquartiert.

Fotos: mit freundlicher Gestattung von swedenform außerdem Ute Berger und Ute Richter

www.fyrpasserhuset.dk